Angst und Kultureinrichtungen: Wie das Forumtheater Ohnmacht in Handlungsmacht verwandelt
Von Amira Bakhit-Eickmeier für Infodienst - Das Magazin für Kulturelle Bildung Nr 160; Juli 2026
Einleitung: Angst als Treibstoff der Gegenwartsgesellschaft
Angst ist allgegenwärtig – vor sozialem Abstieg, vor politischer Radikalisierung, vor dem Verlust von Freiräumen. Besonders Kultureinrichtungen spüren den Druck: Kürzungen in der Förderlandschaft, wachsende rechtspopulistische Strömungen und eine Gesellschaft, die sich zunehmend gespalten fühlt. Doch gerade hier liegt eine Chance: Kunst und Theater können Räume schaffen, in denen Angst nicht lähmt, sondern zum Katalysator für Veränderung wird. Das Theater der Unterdrückten und insbesondere das Forumtheater zeigen, wie das gelingt.
Die besondere Kraft des Theaters der Unterdrückten
Das von Augusto Boal entwickelte Theater der Unterdrückten ist kein klassisches Theater, das Unterhaltung bietet. Es ist ein politisches Werkzeug, das Unterdrückungsmechanismen sichtbar macht und die Zuschauerinnen und Zuschauer zu Akteurinnen und Akteuren werden lässt. Es entlarvt Machtstrukturen, indem es reale Konflikte wie Rassismus oder soziale Ungleichheit darstellt und so unsichtbare Dynamiken greifbar macht. Gleichzeitig ermöglicht es kollektive Lösungen, indem die Zuschauerinnen und Zuschauer aufgefordert werden, in die Handlung einzugreifen und Alternativen auszuprobieren. Wer erlebt, dass Veränderung möglich ist, verliert das Gefühl der Ohnmacht.
Hintergrund: Warum Boals Ansatz heute relevanter ist denn je
Augusto Boal entwickelte sein Theater in den 1970er-Jahren unter der Militärdiktatur in Brasilien. Sein Ziel war es, Bewusstsein zu schaffen und Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Heute, in einer Zeit, in der demokratische Werte unter Druck geraten, ist dieser Ansatz ein Gegenentwurf zur Passivität.
Forumtheater: Vom Zuschauen zum Handeln
Das Forumtheater ist die bekannteste Methode des Theaters der Unterdrückten. Sein Prinzip ist einfach, seine Wirkung tiefgreifend. Eine Konfliktsituation wird gespielt, etwa eine Diskriminierungserfahrung oder ein Machtmissbrauch in einer Institution. Die Szene wird unterbrochen und die Zuschauerinnen und Zuschauer werden aufgefordert, Lösungsvorschläge einzubringen. Anschließend wird die Szene neu gespielt – diesmal mit den Ideen des Publikums.
Durch das Erleben der Situation aus verschiedenen Perspektiven werden eingefahrene Denkmuster aufgebrochen. Der Wechsel von der passiven zur aktiven Rolle stärkt das Selbstvertrauen, denn Menschen erleben, dass sie etwas bewirken können. Forumtheater ist ein Proberaum für Zivilcourage, in dem man scheitern, ausprobieren und lernen darf.
Praxisbeispiel: Workshop mit Frauen vom Internationalen Frauenfrühstück in Herten
In einem Workshop mit Frauen vom Internationalen Frauenfrühstück in Herten haben wir anhand des Forumtheaters Fluchterfahrungen verarbeitet. Aus einer Sammlung biografischer Geschichten entstand ein Stück, das die Perspektive der Frauen auf Rassismus in ihrer Heimatstadt skizzierte. Der Fokus lag darauf, sich zu erinnern, ohne eine Re-Traumatisierung zu riskieren, und diese Erinnerungen in eine ästhetische Form zu gießen, um sie schließlich zu präsentieren.
Viele der Frauen waren noch nie auf einer Bühne gewesen und kannten das Theater nicht. Der Probenprozess war intensiv, spannend und wirksam. Die hohe Priorität, die die Frauen dem Projekt einräumten, zeigte sich darin, dass sie trotz ihrer vielfältigen Verpflichtungen – Kinder, Haushalt, Arbeit – regelmäßig zu den Proben erschienen. Sie betonten, wie wichtig ihnen das Theaterstück war.
In der Aufführung wurden nicht nur die Geschichten der Frauen erzählt, sondern es gab auch musikalische Beiträge, die das Stück bereicherten. Im Anschluss moderierte ich ein Publikumsgespräch, in dem Fragen gestellt und eigene Rassismuserfahrungen geteilt wurden. Dieser Prozess war für die Gruppe besonders wirksam und stärkte das Gefühl der Selbstwirksamkeit.
Ohnmacht überwinden: Wie Theater politische Handlungsfähigkeit stärkt
Viele Menschen fühlen sich heute ohnmächtig – gegenüber politischen Entscheidungen, gegenüber Hass im Netz, gegenüber der Angst vor dem sozialen Abstieg. Forumtheater wirkt dem entgegen, indem es Emotionen als Antrieb nutzt. Was auf der Bühne emotional erlebt wird, bleibt nachhaltig im Gedächtnis. Gleichzeitig schafft es Solidarität, denn gemeinsames Erleben von Unterdrückung und gemeinsames Ausprobieren von Lösungen stärkt den Zusammenhalt. Wer im geschützten Raum des Theaters Widerspruch übt, tut das später auch im echten Leben und trainiert so Demokratiekompetenzen.
Warum emotionales Erleben nachhaltig wirkt
Unser Gehirn speichert emotional aufgeladene Erfahrungen besonders gut ab. Wenn Menschen im Forumtheater selbst in die Rolle der Unterdrückten oder Unterdrücker schlüpfen, aktiviert das Spiegelneuronen, sodass sie die Situation körperlich nachfühlen. Das führt zu tieferem Verständnis und langfristiger Verhaltensänderung.
Forumtheater und die Stärkung der Demokratie
Demokratie lebt vom Mitmachen, doch viele Menschen ziehen sich zurück, weil sie das Gefühl haben, ohnehin nichts bewirken zu können. Hier setzt Forumtheater an, indem es Ursachen von Demokratieabbau sichtbar macht. Durch die Darstellung von Machtmissbrauch, Ausgrenzung oder Manipulation werden Mechanismen der Demokratieschwächung greifbar. Im Forumtheater erleben Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass Veränderung möglich ist, wenn man sich organisiert, Solidarität zeigt und mutig handelt. Kultureinrichtungen, die solche Formate anbieten, werden so zu Orten der Demokratiebildung.
Herausforderung: Förderkürzungen und politische Instrumentalisierung
Gerade jetzt, wo rechtspopulistische Stimmen Kultur als „systemangepasstes“ Projekt diffamieren, sind unabhängige Räume für partizipative Formate wichtiger denn je. Doch viele Einrichtungen kämpfen mit Kürzungen in der Förderlandschaft. Hier helfen Netzwerke, denn Kooperationen mit anderen Kulturschaffenden und zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren erhöhen die Sichtbarkeit und Handlungsmacht.
Angst als Thema: Mein Ansatz als Theaterpädagogin
In meiner Arbeit als Theaterpädagogin und Trainerin für gewaltfreie Kommunikation setze ich Forumtheater ein, um Ängste zu benennen und Handlungsräume zu öffnen. Mein Fokus liegt darauf, sichere Räume zu schaffen, denn nur wer sich sicher fühlt, kann sich auf emotionale Prozesse einlassen. Durch aktives Zuhören und Bedürfnisorientierung werden Konflikte nicht als Bedrohung, sondern als Chance für Verbindung erlebt. Teilnehmerinnen und Teilnehmer erleben, dass ihre Stimme zählt und dass sie nicht allein sind mit ihren Ängsten.
Fazit: Kultur als Widerstand und als Hoffnungsträger
Kultureinrichtungen stehen vor der Herausforderung, in unsicheren Zeiten Räume der Handlungsfähigkeit zu schaffen. Forumtheater und das Theater der Unterdrückten bieten konkrete Werkzeuge, um Ohnmacht in Empowerment zu verwandeln. Gerade jetzt, wo demokratische Werte unter Druck geraten und Fördergelder knapper werden, ist es wichtig, dass Kultur nicht nur reagiert, sondern aktiv gestaltet.
Drei Handlungsempfehlungen für Kultureinrichtungen sind, partizipative Formate auszubauen, denn Forumtheater, Open-Space-Veranstaltungen oder partizipative Ausstellungen geben Menschen das Gefühl, gehört zu werden. Netzwerke sollten gestärkt werden, denn gemeinsam mit anderen Einrichtungen und Initiativen können Synergien genutzt und Förderanträge gebündelt werden. Schließlich sollte die Arbeit sichtbar gemacht werden, etwa durch Blogs, Social Media oder lokale Medien, um zu zeigen, wie wichtig Kultur für den Zusammenhalt ist.
Angst ist ein schlechter Ratgeber, aber ein guter Wecker. (Augusto Boal)
Dieser Artikel entstand aus der Praxis für die Praxis. Für Fragen, Workshops oder vertiefende Gespräche stehe ich gerne zur Verfügung.



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