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Netzwerken und zusammen mehr Kultur

Autorenbild: Amira Bakhit
Amira Bakhit
14. Juni
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 28. Aug.



„Netzwerken und zusammen mehr Kultur“


Keynote von Amira Bakhit

zum Kulturempfang der Stadt Gelsenkirchen am 17.04.2026


Que sera sera

Als ich ein kleines Mädchen war, da wollte ich Schauspielerin werden.

Und das habe ich allen erzählt. Und ich habe immer die gleiche Antwort bekommen:

Du musst es wollen! Schweiß, Blut und Tränen haben sie gesagt.

Ich habe das damals gar nicht verstanden. Wieso sollte ich bluten, schwitzen und

weinen? Ich wollte doch nur AUF die Bühne.


Doch als ich Kulturschaffende wurde, da verstand ich: das auf der Bühne war Kunstblut.

Aber das, was sich HINTER der Bühne abspielte - besser noch was sich in einer

baufälligen Zwischennutzung mit 20 Ehrenamtlichen und 15 Mietparteien, die oben

drüber und nebenan wohnen bei einem Rave der außer Kontrolle gerät und den du

neben dem Ordnungsamt, der Polizei, dem Grünflächenamt, dem Gesundheitsamt, der

Stadtpolitik und zuletzt auch noch dem Förderverein erklären musst. DAS raubt

dir den Schlaf.


Und das ist ja noch nicht mal alles. Wenn ein soziokulturelles Zentrum eine

institutionelle Förderung bekommt, dann ist das ein sehr großes Gut! Mit 5000, 10000,

20000 und einem Satz gebrauchter Scheinwerfer aus dem Stadttheaterumbau lassen

sich durchaus 100 Veranstaltungen im Jahr bestreiten. Die Freie Szene ist erfinderisch.

Trotzdem: ein kleiner Geldsegen von außen tut sehr gut.

Treffen sich zwei Kulturschaffende im Herbst. Sagt der eine: Du siehst ja krank aus. Sagt

der andere: Ja, ich habe Projekteritis!

Der eine sagt: ich verstehe. Aber hier, wickele dich doch in meinen Flickenteppich aus

alten und neuen Projekten. Bis Dezember hält er dich warm.


Als kleines Mädchen wollte ich auf die Bühne.

Jetzt sitze ich dahinter und tippe. Tippen, tippen, tippen.

Hier ein Beispielprojekt aus der kulturellen Bildung: Tolles Tanzprojekt! Divers -

superdivers, inklusiv, vernetzt drei Vereine, zwei soziale Träger, ein Konzerthaus und

eine Kulturscheune in der Diaspora, sorry, im ländlichen Raum, die noch keinen Namen

hat.

Das Ganze digital und nachhaltig. Geplant für die Sommerferien. Obwohl die

Förderzusage erst am 2. Weihnachtsfeiertag kommt. Na gut, dann findet es eben

zwischen den Jahren statt. Die Zielgruppe kommt aus der Großstadt und bleibt am

Bahnhof Oer Erkenschwick hängen und überwintert im Bahnwärterhäuschen

währenddem du versuchst den Änderungsantrag für die Projektlaufzeit beim

Fördergeber durchzukriegen. Wer will schon ein Tanzprojekt im Sommer? Ist doch viel

lustiger, wenn Jugendliche biographisches Tanztheater mit Schneepersonen machen.

Und zwischendurch immer wieder die Frage nach Vernetzung.

Vernetzungvernetzung

Und jetzt machen wir ja alle Kultur im Ruhrgebiet. Wir haben im Pott die höchste

Kulturdichte der gesamten Bundesrepublik. Seit 2010 stolpert man schon über

kulturelle Projekte, die auf der Straße herumfliegen. Ein typischer Witz aus der

Dortmunder Nordstadt: Fällst du in der Nordstadt aus dem Fenster, landest du auf

einem Kulturarbeiter.

Ich persönlich komme aus Frankfurt. Meine Familie will mich nicht besuchen kommen.


Warum nicht? Die denken sie verfahren sich. Die sagen zu mir, sorry! Aber wir wissen

einfach nicht, wo es beginnt und wo es aufhört. Und wir finden dich nicht da drin.

Du bist verloren gegangen zwischen Straßen und Ortsschildern und Zechen mit

Frauennamen, mit Männernamen, mit Ortsnamen, mit Fanatasienamen…

Die glauben auch immer, dass ich in der Stadt, in der ich wohne, auch arbeite. Und dass

ich, sobald ich den Job wechsle auch UMZIEHE. Die können sich nicht vorstellen, dass

ich, wenn es gut läuft, auf einer Fahrt von Duise nach GE Fanhorden SCHALKE!!von 4

Fußballvereinen ausweichen muss. Inklusive Ultras und Hundertschaften.

Genauso können sie sich aber auch nicht vorstellen, dass ich auf einer Tour von

Duisburg nach Dortmund an weit über 80 Kulturhäusern direkt und indirekt

vorbeikomme.

Dass wir hier eine höhere Kulturdichte als in Berlin oder Hamburg haben.

Dass hier hunderte (?) von Kulturschaffenden der städtischen Theaterhäuser, Oper,

Mehrspartenhäuser, der soziokulturellen Orte, der Freien Szene, der dritten Orte, der

vielen Vereine und Kollektive sich jeden Tag den Allerwertesten aufreißen um Kunst,

Kultur und kulturelle Bildung zu machen. Die Brücken bauen, Menschen

zusammenbringen, Kunst erschaffen und vermitteln. Die in kleinen Büros sitzen und

sich die Finger im Antragswesen wundtippen. Die vielleicht auch einfach nur

Schauspielerinnen werden wollten und nun das fragile Konzept Kulturarbeit auf ihren

Schultern balancieren und spätestens beim nächsten Event, das sie seit einem Jahr

planen, wieder wissen, warum sie das überhaupt tun.

Menschen, die meist schmal bezahlt oder ehrenamtlich ihren Traum der kulturellen

Szene im Pott verwirklichen und mitgestalten.

Menschen, die sich vernetzen. Zum Beispiel auf einer Veranstaltung wie hier.

Denn das ist unser großes Plus! Wir finden uns immer wieder zusammen und schaffen

neue Synergien. Wir nutzen Methoden, gesellschaftliche Diskurse und neue Ansätze,

um miteinander Kulturarbeit zu gestalten. Wir teilen Infrastruktur, Werbekanäle und

Expertise, damit wir nicht einzeln kämpfen müssen.

Vernetzung ist die größte Sicherheit ist, die wir haben, um die Kulturarbeit im Pott noch

mehr zu stärken und diversere Zielgruppen zu adressieren.

Wir leben in unsicheren Zeiten. Vielen ist nicht klar, wie es finanziell weiter gehen wird.

Kürzungen drohen. Und nicht nur Kürzungen. Prekäre Arbeitsverhältnisse kennen wir ja.

Und auch, dass uns die Altersarmut im Genick sitzt.

Vielleicht denken wir ja WIRKLICH zwischendurch auch mal daran aufzuhören.

- Wenn da nicht das kleine Mädchen wäre, das mit großen Augen verfolgt wie aus ein

paar Stoffbahnen, einzwei Kisten, ein paar Leisten und Brettern mit etwas

Scheinwerferlicht Bühnenmagie und traumschöne Theaterabende gezaubert werden.

Und sich denkt: genau dafür tue ich es.

Und wie schön ist es bitte, dass wir uns so gut vernetzen können.

Ich blicke immer wieder begeistert hinüber zur Bochumer Straße in Ückendorf.

Wahnsinn, was passiert, wenn viele Menschen gemeinsam anpacken und sich ihre

Räume schaffen.

Welche Orte haben junge Menschen, junge Erwachsenen denn wirklich? Orte, an denen

sie wirken können. Orte, die sie schaffen und sie mit Infrastruktur versehen.

Orte, die bleiben. Orte, die nicht dem reinen Konsum dienen. Begegnungsorte, die am

Puls der Zeit in ihren Themen, Methoden und Codes agieren.

Orte, die jungen Menschen eine Perspektive bieten zu bleiben, weil sie Bindung

herstellen und Perspektiven schaffen.

Genauso sehr, wie große Häuser sich aktuell wandeln. Ihre Türen öffnen und

Einladungen an die Bevölkerung neu denken. Die sich programmatisch klug mit jungen

Initiativen verbinden und die ihre Infrastruktur teilen. So bekommt Gelsenkirchen eine

ganz neue Strahlkraft. Die Stadt sieht ihre Multiplikator*innen und nimmt sie ernst. Sie

sieht das unglaubliche Potential, das das Ruhrgebiet hat und damit vielen Städten

voraus ist. Und so ist auch der Generationenwechsel zu schaffen, in dem wir uns nun

schon befinden. Denn das Engagement der Menschen hier, das Potential, die

Förderkultur, die Offenheit und die wilde Kreativität, die es braucht, um Kunst zu

erschaffen, die finden wir nirgendwo anders. Nur hier! Zwischen Autobahnen, Zechen,

Menschen mit leuchtenden Augen und Menschen, die für ihre Sache brennen.

Que sera sera

What will be will be!

 
 
 

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